Der Friedhof in Prag von Umberto Eco [Eine faszinierte Rezension]

5. Juli 2012 2 Von Sabiene
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Der Friedhof in Prag von Umberto Eco

Der im 19. Jahrhundert in Paris lebenden Italiener Simone Simonini ist alles andere, als ein symphatischer Zeitgenosse.
Simonini ist ein Menschenhasser, Intrigant, Fälscher, Geheimagent, Lügner und Mörder. Abgesehen von dem Spinnen maliziöser Intrigen besteht seine einzige Lebensfreude in opulenten Mahlzeiten.
Irgendwann werden seinem eigenen Verstand das Doppelleben und die mannigfaltigen Ränkespiele zu viel. Er entwickelt scheinbar schizophrene Züge und er bildet sich ein, dass ein gewisser Pater Piccola des Nachts heimlich in seinen Aufzeichnungen lesen würde.
Erst indem er seine Lebensgeschichte aufschreibt, beginnt er, mehr und mehr sich an die Ursache seiner Verwirrung heranzuarbeiten und wieder zu genesen.

Was er dabei sich (oder dem Leser) aufdeckt, ist die Geschichte durch ein interessantes Jahrhundert. In dieser Epoche spielen der italienische Freiheitskämpfer Garibaldi eine Rolle, genauso wie die Pariser Kommune. Die Affäre Dreyfuss und die geheimnisumwitterte Freimaurerei fehlen nicht in diesem Ränkespiel.

Aber vor allen Dingen wird Simonini von seinem tief verwurzelten Hass auf Juden angetrieben.

Umberto Eco

Umberto Eco, Jahrgang 1932 gilt als einer der herausragendsten italienischen Schriftsteller und Philosophen seiner Zeit. Trotz der Pläne seines Vaters studiert er in Turin Philosophie und Literaturgeschichte. Mit seinem ersten Buch über das ästhetische Problem beim Heiligen Thomas, das 1956 erschien, hatte er weniger Erfolg. Aber dafür erlangte er 1980 mit seinem Roman Der Name der Rose einen sehr verdienten Weltruhm.
Bereits als Kind verachtete er den Faschismus unter Mussolini, später bekämpfte und kritisierte er Silvio Berlusconi, wo er nur konnte.

Umberto Eco starb am 19. Februar 2016 in Folge einer Krebserkrankung.

Der Friedhof in Prag – Meine Meinung

In der Altstadt von Prag, gleich hinter der Alten Synagoge steht der alte, sagenumwitterte jüdische Friedhof in Prag. Dieser Ort hat Mystiker aller Zeiten zu abenteuerlichen Geschichten inspiriert (Siehe Der Golem von Gustav Meyrink)
Umberto Eco wählt diesen geheimnisvollen Ort für ein konspiratives Treffen einer jüdischen Gesellschaft, bei dem angeblich die Übernahme der Weltherrschaft geplant wurde.
Dieses Treffen, oder besser die darüber existierenden Geheimdokumente ziehen sich wie ein roter Faden durch seinen Roman. Dabei lässt der Autor seinen ekligen Protagonisten dessen tiefempfundenen Antisemitismus und verschlagene Fälscherkunst ungeniert ausleben.
Umberto Eco zeigt hier, mit welcher Leichtigkeit eine geschickte, skrupellose Person Unwahrheiten in die Welt setzen kann. Und es wird klar, wie schnell sich eine Lüge einem Lauffeuer gleich verbreitet.
Ein fruchtbarer Boden ist immer leicht gefunden, wenn die Leute nach einfachen Lösungen suchen. Und so lässt er seinen Simonini sagen:

Die Menschen glauben nur das, was sie schon wissen!“

Das Buch könnte auch den Untertitel tragen: „Wie bastle ich mir eine Verschwörungstheorie?“. Ganz nebenher ist dieses Buch ein Versuch, eine Herleitung des Antisemtismus‘ zu finden, der weniger als 100 Jahre später seinen traurigen Höhepunkt im Holocast fand.

Fazit:

Der Friedhof von Prag ist ein geschichtsträchtiges und tiefgründiges Buch. Es ist keine leichte Kost, aber es lohnt sich, wenn man sich durch dieses Buch hindurcharbeitet.
Tatsächlich bin ich kein allzu großer Freund von eBooks. Aber bei diesem Werk wäre es schon von Vorteil, wenn man unterm Lesen ein paar geschichtliche Eckpunkte nachlesen könnte. Vielleicht könnte auch die Hörbuchversion für den ungeduldigen Leser von Vorteil sein, bevor er sich an die Druckausgabe wagt.

Wem könnte dieses Buch gefallen?

  • Leser, die es gerne ein bisschen mystisch mögen
  • Leser, die es gerne Bücher mit historischem Hintergrund lesen
  • Alle Leser, die die Welt von Umberto Eco schätzen und lieben
  • Leser, die gehobene Literatur bevorzugen

Für wen ist dieses Buch eher nicht geeignet?

  • Leser, die gerade an einer eigenen Verschwörungstheorie basteln und sich beim Lesen ertappt fühlen
  • Leser, die leichte Literatur bevorzugen (was im Übrigen keine Wertung ist)
  • Antisemiten, Rassisten, Faschisten und deren Freunde
Der Friedhof in Prag Buchcover

Bibliografisches zu dem Buch „Der Friedhof in Prag“

  • Titel: Der Friedhof in Prag
  • Autor: Umberto Eco, Burkhart Kroeber (Übersetzung)
  • Originaltitel:  Il cimitero di Praga
  • Taschenbuch: 528 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft (1. Juni 2013)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423142278
  • Preis Stand September 2017: 11,90 € (Taschenbuch), 11,99 € (Kindle), 26,00 € (Gebundene Ausgabe), 10,95 € (MP3 CD, gelesen von Gert Heidenreich und Jens Wawrczeck)
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Alle Fotos: Der Friedhof in Prag von Umberto Eco [Eine faszinierte Rezension] @sabienes.de
Text: Der Friedhof in Prag von Umberto Eco [Eine faszinierte Rezension] @sabienes.de

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Der Friedhof in Prag von Umberto Eco
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