Die Werte der modernen Welt ein Roman von Marina Lewycka

29. Juli 2016 0 Von Sabiene
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Die Werte der modernen Welt ein Roman von Marina Lewycka

Die Werte der modernen Welt ein Roman unter Berücksichtigung diverser Kleintiere

Clara und Serge wuchsen in einer Wohnkommune auf dem Land auf. Dort lernten sie freie Liebe, antiautoritäre Erziehung und politischen Kampf kennen. Aber auch schlechtes Essen, unbezahlte Stromrechnungen und ein unsicheres Leben unter all den durchgeknallten Typen, die das Haus bevölkerten.
Nun sind beide erwachsen und versuchen, auf eigene Art und Weise ihr Leben zu gestalten, als plötzlich ihre Eltern Doro und Marcus, die ewigen Weltverbesserer, beschließen, zu heiraten. Und bei dieser Gelegenheit möchten sie alle ihre Kommunarden von einst wieder treffen.

Gerade Serge passt das gar nicht. Denn statt in Cambridge an seinem Doktor in Mathematik zu arbeiten, hat er sich dem schnöden Mammon an der Wall Street – dem Klassenfeind – verschrieben und will eigentlich nur eins: viel, viel Geld verdienen und seine Kollegin Maroushka ins Bett bekommen.
Seine ältere Schwester Clara hat andere Probleme. Denn das Leben als Lehrerin in einem unterpriveligierten Bezirk hat nichts mit dem Bild einer idealisierten Arbeiterklasse zu tun.
Und dann wäre da auch Oolie, die behinderte Ziehtochter von Doro und Marcus, die unbedingt von zuhause ausziehen möchte.

Marina Lewycka

Marina Lewycka, Jahrgang 1946 kam nach dem 2. Weltkrieg als ukrainischer Flüchtling über Kiel nach Großbritannien. Dort studierte sie Englische Literatur und Philosophie und arbeitete an der Sheffield Hallam Universität. Als Schriftstellerin wurde sie mit ihrem Roman „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ bekannt, den ich bereits in diesem Artikel beschrieben habe.
Die Autorin verbringt nun ihren Ruhestand in Sheffield.

Die Werte der modernen Welt – Meine Meinung

Das Buch erzählt in einzelnen Kapiteln die Geschichte, bzw. Sichtweise von Serge, Clara und der Mutter Doro. Ganz am Ende kommt der Vater Marcus einmal zu Wort. 

Serge (benannt nach Victor Serge)

Am meisten liest man von Serge, der bei einem Londoner Broker versucht, die Alghoritmen der Finanzwelt und Aktienmärkte zu erkennen. Das sind sehr spannende Abschnitte und zugleich lehrreich; erfährt man doch viel von so komplizierten Dingen wie Gauß-Copula-Formel und die Fibonacci-Folge.zitat
Besonders spannend wird es, als der Börsencrash über Großbritannien hereinbricht. Während die Broker aber trotz Krise noch gute Geschäfte machen können, verlieren die Menschen, mit denen seine Familie zu tun hat, ihre Arbeit und Existenzgrundlage.
Serge hat nur dann ein schlechtes Gewissen, wenn er in Erwägung zieht, seiner Familie die Wahrheit über seine Beschäftigung zu erzählen. Dann sieht er auf einmal am Fußende seines Bettes weiße Kaninchen.

Clara (benannt nach Clara Zetkin)

Dagegen wirkt seine Schwester Clara ein wenig blass und das ist sie wohl auch. Sie hält die Fahne des sozialen Gewissens hoch, ärgert sich in der Schule mit ungezogenen Schülern herum und liebt heimlich ihren Direktor. Sie ist ziemlich hin und her gerissen zwischen ihrem eigenen Anspruch und der rauen Wirklichkeit. Denn eigentlich genießt sie es sehr, dass sie in ihrer kleinen Wohnung ein sauberes Bad mit Dusche ganz für sich alleine hat.

Doro

Doro hingegen läuft wie eine Traumtänzerin durch die Welt, versucht Gutes zu tun, kämpft verbissen gegen die Zerstörung ihrer Schrebergartenkolonie für ein Investionsobjekt und kann vor allen Dingen ihre Tochter Oolie-Anna (eigentlich Uljana, aber die Kinder konnten den Namen nicht richtig sagen), die ein „Daunsen-Trom“ hat, nicht loslassen. Und eigentlich ist sie auch gar nicht ihre Tochter, aber das ist eine ganz andere Geschichte. Und nicht wichtig. Denn Doro hat ein großes Herz, ist sehr liebevoll und zugleich sofort sehr engagiert.

Marcus

Im Hintergrund schreibt Vater Marcus an der Geschichte der autonomistischen Bewegung in den siebziger Jahren. Dadurch wirkt er als eine unveränderliche Konstante und erinnert ein bisschen an das Konvolut, das in dem bereits erwähnten Roman „Kurze Geschichte des Traktors auf Ukrainisch“ entstand.
Außerdem ist er schwer krank, aber das weiß keiner so richtig.

Der Geist der 70er Jahre

In meiner Jugend während der siebziger und achtziger Jahre habe ich einige dieser Kommunen und ihrer Ideologien kennengelernt. zitat
Das Klima in solchen Wohngemeinschaften war natürlich sehr interessant, für mich als junges Mädchen beinahe fantastisch. Richtig frei ging es aber nicht immer zu. Denn hier wie dort stand man oft sehr unter der Knute irgendwelcher Doktrinen, die man so nicht immer mittragen hat können oder wollen.
Es ist wirklich an der Zeit, einmal über die Kinder zu schreiben, die in diesen Kommunen aufgewachsen sind. Hat der Nonkonformismus sie wirklich zu einem besseren, kreativen „neuen“ Menschen gemacht oder finden sie alles, was ihre Eltern und weitere Bezugspersonen verkörpern, nur peinlich? Haben sie unter der ewigen Improvisation, Nonkonformismus und der Tatsache, kaum feste Bezugspersonen zu haben, sehr gelitten?

Dieses Buch ist ein sehr schönes Buch, das uns als Leser mit einem Gefühl der Liebe entlässt.
Und es zeigt, dass alle Generationen den Umstand akzeptieren müssen, das sich Helden und Ideale immer wieder ändern. Egal ob sich dies für das Sozialgefüge oder für das Ego des einzelnen positiv oder negativ auswirkt.

Wem könnte dieses Buch gefallen:

  • Leser, die die „wilden“ Hippiejahre in den 60er und 70er miterlebt haben
  • Leser, die gerne interessante Familiengeschichten lesen
  • Lesern, die eine kritische Auseinandersetzung mit dem Zeitgeist jeder Art mögen

Für wen wäre dieses Buch wahrscheinlich nicht geeignet:

  • Alt- und Spät-Hippies
  • Börsenmakler und Banker

Bibliografisches

Die Werte der modernen Welt

Bibliografisches zu „Die Werte der modernen Welt“

  • Titel: Die Werte der modernen Welt – unter Berücksichtigung diverser Kleintiere
  • Originaltitel: Various Pets Alive and Dead
  • Autor: Marina Lewycka, Sophie Zeitz-Ventura (Übersetzung)
  • Taschenbuch: 464 Seiten
  • Verlag: dtv Verlagsgesellschaft; Auflage: ungekürzte Ausgabe (1. September 2014)
  • Sprache: Deutsch
  • ISBN-10: 3423215348
  • Preis Stand August 2017: 7,99 € (Kindle), 19,90 € (Gebundene Ausgabe), 11,95 € (Taschenbuch), 15,95 € (Audio-CD)
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(Alle Angaben ohne Gewähr)

Mit dieser Rezension beteilige ich mich an Daggis Buchchallenge 2016, Aufgabe 44: Lese ein Buch mit einen Protagonisten (männlich oder weiblich), dessen Vorname mit dem gleichen Buchstaben beginnt, wie Dein eigener Vorname. Und das ist in diesem Fall Serge.

Foto: Die Werte der modernen Welt ein Roman von Marina Lewycka ©sabienes.de
Text: Die Werte der modernen Welt – Marina Lewycka ©sabienes.de

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Die Werte der modernen Welt ein Roman von Marina Lewycka
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